Alpenüberquerung auf dem E5 Weitwanderweg

Warum macht man so etwas? Schaffst du das? Das habe selbst ich mich vorher gefragt. Der Drang diese gewaltige Natur einmal selbst zu erleben, zu erwandern, zu bezwingen, zumal in meinem Alter diese Herausforderung zu meistern, der war gute zwei Jahre gereift. Viele Gedanken hat man sich gemacht. Wer reist mit? Werden meine Knie und Rücken, meine Kondition die Anstrengungen durchhalten? All das haben wir als Gruppe schon ab dem zweiten Tag zusammengefasst: "Es hätte uns noch viel schlimmer treffen können!" Eine perfekte Tour -Wetter, Guide, Wanderer, Gruppe, Material, Unterkünfte und kalte Duschen, Kondition, blasenfreie Füße und Beine- alles perfekt.

 

Mein Tourtagebuch mit nur wenigen Bildern (von 4 Fotografen)


1. Etappe zur Kemptner Hütte


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Verlauf: von Spielmansau zur Kemptner Hütte

Wir sind früh dran im Jahr, es liegt noch so viel Eis in den Tälern. Das vorgegebene Tempo lässt uns entspannt ankommen. Anders als erwartet verspüren wir keine Müdigkeit oder Muskel-kater und das obwohl die erste Nacht bei allen eher unruhig verläuft. Am Nachmittag haben wir bereits vergessen, dass wir uns erst am Morgen kennen gelernt hatten, eine bunt zusammengewürfelte Truppe von 7 Wanderern. Die größte Hürde des Tages war allerdings das Zielgewicht von 8 KG am Rucksack zu erreichen, einiges musste in Oberstdorf zurückgelassen werden. Eine persönliche Packliste hänge ich an diesen Bericht.

 

2. Etappe Memminger Hütte


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Verlauf: von der Kemptner Hütte über das Mädele Joch (1974m) runter nach Holzgau, per Taxi ins Madautal dann Wanderung hoch zur Memmiger Hütte (2242m).

Früh Morgens schon die ersten nur 150 Höhenmeter, gefolgt von einer entspannten Wanderung herab nach Holzgau, jetzt bemerkt man bereits die hohe Zahl an weiterern E5-Wanderern. Bergan zur Memminger Hütte bietet uns der E5 dann wieder neue spektakuläre Eindrücke. Den späten Nachmittag verbringt jeder individuell, mit einer kleinen Wanderung oder Gesprächen mit anderen Wanderen. Nach dem reichhaltigen Abendessen schlafen wir in einem Matratzenlager mit 40 anderen, es ist überaschend ruhig.


3. Etappe Seescharte


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Verlauf: von der Memminger Hütte über die Seescharte und 2000 hm runter nach Zams

Der dritte Tag soll immer der Schlimmste sein. Die 6 Stunden und 2000 Höhenmeter talwärts, tlw. sehr steil und tlw. recht schmal im Zammer Loch sind beeindruckend aber weniger anstrengend als vorhergesagt, nach der letzen Pause kurz vor Zams glaubte ich mein Rucksack sei geleert worden, so stark war ich wieder... Auch am nächsten Morgen gab es niemand der sich beklagte, es ging fröhlich weiter.


4. Etappe zur Braunschweiger


Verlauf: von Piller kurze Waldwanderung zum Taxi, dann Fahrt ins Pitztal bis Mittelberg, Wanderung zur Braunschweiger Hütte (2760m)

Diese Etappe war erneut eine Steigerung der Demonstration der Macht der Alpen. Mehr Wasser, mehr Eis und mehr Geröll, steiler und ausgesetzter die Umgebung. Man trifft Weggefährten, Smalltalk. Übernachtung wieder im 8er Zimmer. Hier gab es Bergsteiger-Menü: Backkartoffeln, ausgelassener Speck, Gebratenes Gemüse und Dips.


5.+6. Etappe Ötztal-Similaun


Verlauf: Von der Braunschweiger Hütte über das Pitztaler Jöchl (2999m) nach Vent ins Hotel, am nächsten Tag hoch zur Similaun Hütte (3060m)

Der komplizierteste Abschnitt direkt von der Hütte zum Jöchl, sehr steil, schmal und "blockig", wird entlohnt mit einer spaßigen Abfahrt auf dem Hosenboden zur Söldener Talstation. Es folgt eine Variante ins Pitztal weil der Venet Panorama Weg wegen Lawinengefahr noch gesperrt ist. In Vent Hotel mit Sauna und "Bergsee" bei besten Speisen, von hier aus könnten alle Etappen starten. Die Vorletzte Etappe beginnt dann wieder mit schönster Natur durch das enge Niedertal und weiter im Karst des Gletschers, dort wo er vor 30-40 Jahren noch das Tal ausfüllte, jetzt ist er bis über die Similaum Hütte zurückgeschmolzen.


 

 

 

 

7. Etappe Gipfel und Ende


Verlauf:  Von der Simulaum Hütte auf den Gipfel Similaun (3606m), bereits vor Mittag Abstieg nach Obervernagt (1690m), Taxi ins Hotel nach Meran

Den ganzen Abend hatte man vom Panoramarestaurant einen direkten imposanten Blick auf den Gipfel, abwechselnd in Wolken und Abendsonne gehüllt. Da soll man hoch? Als Seilschaft mit Steigeisen über den Gletscher. Trotz der spürbar dünneren Luft findet unser Bergführer wieder genau das richtige Tempo, gibt bald jeden Schritt im Eis vor, sodass die Gruppe ausgelassen zum Gipfelfoto antreten kann. Etwas Everest-Gefühl kommt auf nachdem die parallele größere Gruppe eintrifft und ebenfalls das Kreuz belegt. Der E5 ist hoch frequentiert, wie auch der Hüttenwirt bestätigte: "Der Juli ist komplett ausgebucht inkl. Matratzenlager, wer unangemeldet kommt muss im Gastraum schlafen." Man mag es kaum glauben, aber der letzte Abstieg ins Vernagttal bietet wieder neue erstmalige Natur, die hier aus Massen von kupferfarbenen Gestein und kantigem Geröll besteht. Und erneut 2000 Höhenmeter bergab, es fällt nur niemandem mehr besonders auf. Ein, trotz aufziehender Gewitter, heißer Abstieg, der unsere Alpenüberquerung auf den letzen 10 Minuten mit leichtem Regen verabschiedet.


Was bleibt?

Das Gefühl ein Ziel erreicht zu haben, meinem Körper und seiner Leistungsfähigkeit vertrauen zu können.

"Die Berge, die alles ertragen und dir stumm und regungslos ihre ewig dauernde Erhabenheit verdeutlichen. Dein Glück sie schadlos überschritten zu haben kannst du nicht mit ihnen teilen, du teilst es mit deiner Gruppe." (Badcake himself)


Zufällig ist mir eine Sonderausgabe des Spiegel über den Entdecker Alexander von Humboldt in die Hände gefallen. Während der zehnstündigen Anreise per Bahn machte die Lektüre Appetit auf BERGE! :

"Wem seine Lage es erlaubt, sich bisweilen aus den engen Schranken des bürgerlichen Lebens herauszuretten, errötend, dass er so lange fremd geblieben der Natur und stumpf über sie hinweggehe, der wird in der Abspiegelung des großen, freien Naturlebens einen der edeltsten Genüsse finden, welche erhöhte Vernunftfähigkeit gewähren kann"

Der E5, sicher nicht der einzige Weg über die Alpen, sicher nicht der Schönste, für ein erstes Erlebnis aber ebenso beeindruckend wenn nicht atemberaubend.

Vorbereitung

Die Versuche einer Vorbereitung auf diese Alpenüberquerung als Münsterländer ist nicht einfach. Anstiege sind rar zwischen Nassem Dreieck, dem westlichen Beginn des Egge-gebirges,  bis nach Bad Iburg auf dem Hermannsweg. Der erste 25km Gewaltmarsch bei 1 Grad im November bringt verspannte Beinmuskulatur bis zur Bewegungsunfähigkeit, aber die Wanderschuhe sind gut. Die habe ich übrigens im Hotel in Meran geküsst und der Firma Meindl für die gute Verarbeitung gedankt. Gepaart mit Merinosocken und Hirschtalk an der bekannten Problemzehe keinerlei Probleme auf der Tour!

Im Münsterland fehlen die Höhenmeter die man nur durch Strecke und Geschwindigkeit (5,5km/h) versuchen kann wett zu machen. Im Nachhinein betrachtet war es gut zumindest ein paar 4-6 Stunden-Etappen stramm und mit Gewicht im Rucksack gewandertt zu sein, der E5 im richtigen Tempo ist nicht schwieriger.

Die Hüttenübernachtungen sind ein Erlebnis und mit vielen Gerüchten belegt. Zu Beginn der Saison treffen zwar auch mal 100 Personen auf je 2 Duschen für Männlein und Weiblein, oder weniger weil defekt. Ich musste nie anstehen oder habe mich nur gewaschen. Auch morgens staut es sich höchstens am Buffet oder der Ausgabe. Ob im 8er Zimmer mit Etagenbetten oder Matratzenlager mit 40 Personen kann man gut die Nacht verbringen, bei leicht eingeschränkter Intimsphäre und kaum Geschnarche, auch das Fenster darf auf bleiben. Die Nächte sind eh kurz, 23 Uhr bis 5 Uhr wegen der geregelten Nachtruhe vom Hüttenwirt und der frühem Aufbruch. Die Hütten sind sehr gut organisiert, freundliches Personal und saubere gute Ausstattung, das Essen deftig, es felht an nichts.


Ausrüstung

Man kann sich komplett neu ausrüsten lassen und wird zu viel dabei haben. Ich habe mich auf mein Gefühl und mein Portmonaie verlassen. Nicht das Teuerste und nur das Nötigste, wir sind auch nicht auf einer Modenschau. Allerdings habe ich die Stirnlampe mit 27 EUR zu teuer bezahlt, es geht auch für 2 EUR (billige LED-Minitaschenlampe mit zwei Gummibändern an ein Stirnband, fertig.)  Für den nächtlichen Gang zur Toilette oder im Notfall reicht das völlig.

Als T-Shirt hat sich bei einem Mitwanderer ein dünnes Merinoshirt bewährt, ohne viel Mut konnte man an dem 7 Tage getragenen Shirt riechen ohne umzufallen. Meine Kunstfaser Shirts waren bereits am ersten Anstieg durch.

Nur selten sah man jemanden mit einer DSLR oder Kompaktkamera fotografieren, meist diente das Smartphone.

Jede Hütte hat einen Stiefelraum, dort stellt man die Wanderschuhe ab, nimmt die Einlegesohle heraus und legt die Socken dazu. Das lüftet gut und kommt nicht weg. Auch die Stöcke bleiben im Gemeinschaftsraum. Es gibt immer einen tlw. beheizten Trockenraum, dort lüftet das Merinoshirt und Regennasses bis zum Morgen.

Die Hütten bieten warmen Tee zum Mitnehmen an, wer mag kann dieses Zuckerwasser in seine Flaschen füllen, Trinkwasser ist auf Hütten selten, ebenso Steckdosen! Trotzdem war das Handy im Flugmodus immer geladen.

Packliste

Ziel unter 8kg Gepäck inkl. Rucksack, ohne Getränke. Wer zunächst seine sieben Sachen zusammenlegt und einpackt, wird bei 12-14 kg liegen. Was kann also raus?

Hier meine muss-dabei, kann-dabei und lass-weg-Listen für diese Tour in den Sommermonaten.

Wer in einer Gruppe wandert kann bei Absprache weiter Gewicht sparen, so auch Paare.

Es empfiehlt sich die Sachen zu ordnen, sodass langwieriges Räumen und packen vermieden wird. Das kostet nur Zeit und stört andere.

Am Körper getragen

  • Wanderschuhe Kategorie BC, stabile Sohle, wasserdicht/atmunsaktiv
  • 1 Paar Wandersocken mit Merinowolle, riechen nie, schnell trocken
  • Leichte Wanderhose lang, ideal Softshell, da wind-, wasserabweisend reicht
  • Unterhose kurz, ideal Merino, riecht nie, angenehm (mehrtägig) zu tragen
  • T-Shirt kurz- o. langarm nach Belieben, ideal ebenfalls Merino in dünner Qualität, wie oben
  • Jacke, ungefüttert, ideal Softshell, winddicht, wasserabweisend, ohne Kapuze
  • Mütze/ Kappe wegen Sonne, kaltem Wind
  • Rucksack 35L (+10) mit Regenhülle (ca. 80% der Gesehenen waren von Deuter)
    hier kann man Optimierungen bzgl. Zugriff und Organisation vornehmen
  • Trekkingstöcke, Teleskop, ohne geht nicht
  • Brille und/oder Sonnenbrille
  • Handy im Flugmodus in Kunststoffhülle, kein Flipcase weil unpraktisch
    ggf. Tracking-App, Runummern v. Hütten/Hotels und Taxi, ICE Kontakte

Im Rucksack

  • 2 Kompressionstüten (Einwegventile)
    darin Folgendes aufgeteilt in Ersatz und Nacht/Hüttenklamotten, abends vor dem Zubettgehen vorbereiten, damit es morgens nicht knistert!
  • Wanderhose kurz (wenn eine Lange nicht zippbar)
  • 2. Shirt Merino, auch für auf den Hütten
  • dünner Fleecepullover, auch für auf den Hütten, kalte Abende
  • T-Shirt zum Schlafen, wenn nicht langes Unterhemd
  • 2. Unterhose zum Wechseln
  • Hüttenschlafsack/ Seide, der Invest lohnt sich
  • Regenhose, Regenjacke, ggf. atmungsaktiv, Regenschirm
    aber nur eine Regendichte Garnitur
  • Sporthandtuch, schnelltrocknend
  • Hüttenschuhe, FlipFlops oder ähnlich, meist auf Hütten vorhanden, nicht aber im Hotel

Technik

  • Ladegerät USB
  • Stirnlampe, auch DIY
  • Klappmesser, Das Schweizer nur wenn, naja Mann es haben muss
  • Rettungsdecke
  • Microfaser-Putztuch für Brille und Hände, ggf. im Säckchen am Rucksack befestigt
  • Hirschtalk-Stick, morgens griffbereit
  • Reiseportmonaie mit Perso, Bargeld, EC/Kreditkarte, Notrufnummern Familie, Organspenderausweis (Österreich!), ggf. Medikamentenliste, alles andere raus!
  • Proviant für ersten Tag, wenige Riegel, Obst, Wurst, Käse nach Gefallen, Gipfelschoki
  • Wasserflaschen, entweder Einweg-PET 0.5Ltr. oder Nalgene in gewünschtem Fassungsvermögen, Trinkblase verursacht Enge im Rucksack.

Hygiene

  • Zahnbürste
  • 1/2 Probetube Zahnpasta (12ml/Person reichen völlig)
  • 1/2 Probefläschchen Duschgel (20ml) auf Hütten keine Seife, nirgends
  • Blasenpflaster entsprechend deiner Problemzonen, nicht zu viele
  • Sonnencreme, wieder nur wenig
  • 1 Paar Oro-Paks
  • Nagelfeile, falls nicht am Schweizer
  • Magnesiumsticks! wirklich wichtig, jeden Abend einen
  • persönliche Medikamente

Optional mitnehmbar

  • 2. Paar Socken, nur wenn man sich auf das eine Paar nicht verlassen mag, länger getragen = weniger Probleme, ggf. bei schlechtem Wetter angeraten
  • Handschuhe, leicht, winddicht, nur wenn wirklich schlechtes Wetter und Frost angesagt
  • Rasierer, Akku oder Einweg mit Probe Rasierschaum (wer sich rasiert besser fühlt)
  • Unterwäsche lang warm, nur wenn Tagesmax unter 5 Grad angesagt oder als Schlafkleidung
  • Jogginhose leicht für auf Hütte oder Ersatzwanderhose
  • Kartenmaterial (Papier) wenn kein Guide, sonst min. 2 Personen mit App
  • Waschlappen schnelltrocknend, falls Duschen defekt
  • Handyhalter am Ladegerät DIY, die Steckdosen sind immer blöd platziert
  • Ultraleichtschlafsack, falls Übernachtung nicht sicher gebucht
  • Fitnessuhr, wers braucht und laden kann

Teilen in der Gruppe

  • Mehrfach USB-Ladegerät 2er/4er, jeder hat sein Ladekabel
  • Dusch-Gel, Zahnpasta als Paar teilen
  • Erste Hilfe Tasche

Wirklich unnötig

    • 3. Garnitur Kleidung
    • Glasbehältnisse (Wasser, Lieblingsparfum, Sprays)
    • 2. Jacke mit gleicher Funktion
    • Powerback, nur auf Kempner Hütte kostet das Laden 50ct
    • Hüttenschlafsack aus Baumwolle, zu schwer
    • Kopfkissen, es sind immer Kissen vorhanden
    • Kameraausrüstung, lieber erleben
    • Buch/eReader, es sind viele Menschen dabei 

    Das wars, alles ohne Garantie und Regressansprüche. So stellt sich mir eine mehrtägige Tour in den Hochalpen dar. Ich habe hier keine direkten Produktempfehlungen ausgesprochen, weil sich das jede Saison weiterentwickelt.